ende einer ära

wir schreiben den 4. Juli, und möglicherweise ist dieser tag im doppelten sinn das ende einer ära. global gesehen ist es durchaus denkbar, dass heute – zumindest für meine lebenszeit – das letzte mal ist, dass ein näherungsweise demokratisches amerika (usa) seinen independence day feiert.

für mich / uns ist es aber vor allem das persönliche ende des verbrenner-zeitalters. während ich das schreibe, ist der liebste auf dem weg zu wirkaufendeinauto, um unseren altgedienten recken zwar nicht in die ewigen jagdgründe, aber doch in so etwas wie rente zu schicken.

ein passat aus dem jahr 2008, der seit 2011 in unserem besitz ist, mit 130.000 km auf der uhr kam, und mit 260.000 wieder gehen darf. 13 jahre und 130.000 km, also knapp 10.000 km/jahr. Das ist sehr moderat, wenn auch, nicht zuletzt durch corona, ziemlich verfälscht. wir waren an den plitwitzer seen mit dem schwarzen lastesel und in triest, in sanremo, auf rügen und usedom, viele male in holland und belgien, und die letzte grosse tour führte uns 2022 nach lyon, arcachon, biarritz, bis nach cap finisterre, und durch spanien via andorra nach carcassonne und schliesslich über strassburg (das uns auch so manches mal gesehen hat) wieder zurück. viele male haben wir den „mütter-run“ (t’s und meine mutter an einem verlängerten wochenende auf einem 1100-km-roundtrip besuchen) absolviert; wir haben krankenbesuche gemacht, tiefkühlschrankinhalte transportiert, aber auch einfach nur mal irgendwo einen langen strandspaziergang unternommen, aufs meer gestarrt und fischbrötchen gegessen.

der passat war ein treuer begleiter mit nur sehr wenigen problemen und sehr viel platz für allerlei. ein bisschen wehmut ist auch dabei, ihn ziehen zu lassen. aber es wird zeit – zeit, sich von der technik des letzten jahrhunderts zu lösen, zeit, die ära verbrenner dem ende zugehen zu lassen. auch hier.

weil wir es können.

gaming (ps4/ps5)

Liste, um den Überblick zu behalten – wird sukzessive erweitert.

  • Assassin’s Creed: Rogue
    nicht so meins T. hat es durchgespielt
  • Assassin’s Creed: Valhalla
    angespielt, tolle Optik, aber boooooring
  • Borderlands 3
    schicke Comic-Welt, aber irgendwie dann doch nur Geballer
  • Cyberpunk 2077
    ziemlich abgefahren
  • Death Stranding
    speziell, aber großartig
  • Detroit: Become Human
    super Story, tolle Charaktere, doofes Handling, zu wenig Spielzeit.
  • Elden Ring
    doof gefunden
  • Fort Solis
    Wegen Langeweile und Bewegungsübelkeit abgebrochen.
  • Gran Turismo 7
  • Horizon Zero Dawn + Frozen Wilds
    großartig
  • Horizon: Forbidden West
    großartig
  • Nier: Automata
    hmnja.
  • No Man’s Sky
    Suchtpotenzial deluxe
  • Red Dead Redemption 2
    großes Kino
  • Spider Man: Miles Morales
    cool gemacht, aber nicht so meins
  • The Elder Scrolls: Skyrim
    immer wieder
  • The  Outer Worlds
    hat Spaß gemacht
  • The  Outer Worlds 2
  • The Witcher 3: Wild Hunt
    T. hat es gespielt
  • Uncharted – The Nathan Drake Collection
    langweilig, abgebrochen

stand: januar 2026

detroit: become human

Detroit: Become Human spielt in einer Welt, in der Androiden, die genau wie Menschen aussehen, den überwiegenden Anteil der einfachen Arbeit erledigen. Man kann das Spiel aus der Perspektive dreier verschiedener Charaktere spielen, und sollte sich auch alle drei einmal genau anschauen, da sie dieselbe Geschichte mit einem unterschiedlichen Kontext erzählen, diese Handlungsstränge aber an kritischen Punkten der Story wieder zusammenlaufen. Die Handlung insgesamt dreht sich um einen Aufstand der Androiden, die sich ihrer selbst gewahr werden, für ihre Rechte, und erinnert wohl nicht ganz zufällig an den Kampf der schwarzen Amerikaner um Freiheit und Selbstbestimmung.

Zur Verfügung stehen hierbei:

  • Connor, ein Polizei-Android, der den Auftrag hat, unerklärliche Amokläufe von Androiden zu untersuchen, und mit dem menschlichen Polizisten Hank zusammenarbeiten soll
  • Kara, die als Hausmädchen arbeitet
  • Marcus, der der persönliche Assistent und Pfleger eines reichen alten Mannes ist

Das erste, was mir auffiel, war das Gesicht von Jesse Williams, der in diesem Spiel Marcus verkörpert. Williams hat das Spiel auch mit produziert. Insgesamt ist eine der grossen Stärken von Detroit die Charakter-Animation / Besetzung mit tollen Schauspielern, neben Williams u.a. Lance Henriksen, (ganz grossartig:) Clancy Brown, Valorie Curry, Simbi Kali und natürlich Minka Kelly.

Im Verlauf der Geschichte kann die Spielerin immer wieder Entscheidungen treffen – manche sind sehr deutlich sichtbar, etwa bei Dialogoptionen, andere weniger deutlich, etwa, welchen von vielen Gegenständen man ggf. zuerst untersucht (und am Ende dafür keine Zeit für einen anderen bleibt). Fast alle diese Entscheidungen haben Auswirkungen auf den Verlauf und das Ende der Geschichte (also, ob man das Ziel erreicht, das man erreichen möchte, oder letztlich scheitert). In einem Ereignisbaum kann man sich zurück hangeln, um eine bestimmte Situation vielleicht erneut und anders zu spielen, und herauszufinden, was passiert wäre, wenn…

Leider ist das Spiel besonders auf dem ersten Drittel extrem zäh und starr vorgeskriptet – im Grunde kann man, bis auf wenige, geringfügig abweichende Details, keinen Einfluss auf diesen Teil der Geschichte nehmen, sondern muss die Vorgeschichte zwingend so durchspielen wie gedacht. Eher schon dient dieser Part als längliches Intro in die Story, und als Tutorial, wie das Game zu bedienen ist.

Die Bedienung ist dann auch mein grösster Meckerpunkt an diesem Game – die Tastenkombinationen für bestimmte Aktionen sind nicht konsistent, sondern wechseln mit unschöner Regelmässigkeit; ohne die visuellen Hints, wie man etwas Bestimmtes tut, käme man fast gar nicht voran. Vor allem innerhalb ganzer Szenen diese Bedienung zu wechseln empfinde ich als lausiges UX-Design.

Dennoch habe ich am Ende die Storyline mit allen drei Charakteren durchgespielt, bei zweien davon auch verschiedene Handlungsstränge / -optionen ausprobiert. Einmal, weil ich wissen wollte, was eine bestimmte Entscheidung verändern würde, einmal, weil ich beim schnellen Klicken auf angebotene Optionen versehentlich etwas gewählt hatte, das zu einer Katastrophe führen musste (und auch führte). Es ist spannend, zu erleben, wie bestimmte Entscheidungen die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander verändern.

Insgesamt würde ich Detroit: Become Human eher als eine Art interaktiven Roman denn als ein Spiel beschreiben. Die Spielwelt, Detroit im Jahr 2038, ist sehr gut konzipiert und glaubwürdig, und wenn man sich durch den zähfliessenden Anfang gehangelt hat, macht das Game auch Spass. Ich hätte mir aber ein paar mehr Open-World-Optionen gewünscht. Dafür sind die Charaktere wirklich sehr gelungen, und man leidet wie bei einem guten Film mit ihnen mit.

Summa summarum kann man runde 15 bis 25 Stunden mit dem Game zubringen, je nachdem, wie viele der alternativen Handlungszweige man erkunden möchte, dann ist es aber auch durch. Gemessen an anderen Games, die ich auf der PS4 spiele, ist das etwas wenig. Dafür bekommt man gute Unterhaltung mit sehr viel Anspruch und einem tollen Cast.

brüssel, brühl

im januar pollenflug deluxe. ohne antihistamine bekam ich nicht mal annähernd genug luft. immerhin war es schön, dass es geklappt hat, dass der liebste zu seinem geburtstag frei hatte. wir sind nach brühl gefahren, haben uns dort im max-ernst-museum die sehr schöne und inspirierende moebius-austellung angesehen, und dann gleich noch unseren horizont erweitert, und uns (logischerweise) auch die max ernst-ausstellung angeschaut, bei der es ein paar durchaus spannende querverbindungen gab. von dort ging es zur übernachtung weiter nach hasselt.

der kleine gin/tonic-shop dort hat den besitzer gewechselt, was schade ist. die stadt baut ganz massiv wohnblöcke mit nobelshops rund um den alten hafen herum, womit dann auch viel vom alten charme einem hochmodernen und steril-austauschbaren look a la hafen-city weicht – ich habe das gefühl, hasselt hat mich das letzte mal gesehen.

von dort weiter weiter ins nahe brüssel. in brüssel einen p&r-parkplatz zu ergattern, ist quasi unmöglich. klar, das ist ja auch der sinn von p&r, leute daran hindern. am ende landeten wir wieder auf dem parkplatz des atomiums, wo wir mit glück noch einen platz fanden. etwa 15 minuten später war der parkplatz dank stattfindender messe voll. in 1 jahr fällt aber auch diese option raus, dann darf man mit euro 4-diesel nicht mal mehr bis zur messe fahren. in anderen worten, dann wird es attraktiv, den flieger nach brüssel zu nehmen. das spart ja dann co2.

wir hatten uns mit einer brussels card versorgt, 72 Stunden eintritt in 40+ museen und öpnv. das lohnt sich so ungefähr ab dem 4. museum, in 72 stunden also kein ding. das ticket kann man problemlos online kaufen, die öpnv-karte gibt’s dann mit zahlencode am automaten, alles problemlos. wir haben die zeit und das ticket gut genutzt, viel spass gehabt, das wetter reichte von sonnig (am tag an dem wir stationen des comicstripwalks abarbeiteten) über durchwachsen bis regnerisch, aber es war ein schönes langes wochenende, dessen highlight für mich das comic-museum war. daneben waren wir im chocoversum (naja), in der sonderausstellung des automuseums unter dem titel best of british, und im militärhistorischen museum, flugzeuge gucken. des weiteren haben wir bei BOZAR eine keith-haring-sonderausstellung angeschaut (toll aber viel zu viele menschen), und die train world in schaerbeek.

insgesamt sind wir aber zum schluss gekommen, dass städtetrips für uns einfach nichts mehr sind. dazu hat das reichliche kopfsteinpflaster in brüssel beigetragen, vor allem aber die menschenmengen. kurz mal rein, ein museum, essen gehen – okay. aber mehrere tage, das muss nicht sein.

angespielt: shadowrun returns

dass ich nochmal über games schreiben würde, hätte ich auch nicht gedacht… aber als mitte des jahres shadowrun returns für osx zu haben war (es ist ende oktober nun auch für linux erschienen), dachte ich mir: prima, rollenspiele mag ich, das shadowrun-universum liebe ich seit fast einem vierteljahrhundert – what could possibly go wrong?

die gameschmiede harebrained schemes finanzierte das projekt via kickstarter, und mittlerweile gibt es versionen für mac, pc, ios und android. das rollenspiel, zu dem es expansion sets geben wird (oder schon gibt), so dass man mit dem gleichen engine weiter spielen kann, läuft auch auf steam. bei joystiq erhielt das game trotz seiner eher simplen struktur eine sehr gute bewertung, und die tester bei joystiq meinten

the most important reason for Shadowrun Returns to exist: its potential to create a massive, thriving community.

schauen wir mal…


zu beginn des spiels sucht man sich einen charakter aus, es existiert die übliche bandbreite von speziesmischungen, skills und charakterklassen (street samurai, rigger, decker, schamanen, adepten, magier), und die initiale punkte- und skillvergabe ist auch einigermassen flüssig.

an der stelle sei gleich gesagt, dass es fast unmöglich ist, shadowrun returns (bzw. das was das erste abenteuer davon darstellt) zu beginn mit etwas anderem als einem strassensamurai vernünftig zu spielen.

die grafik ist sehr simpel gehalten, die sounds sind klar und minimalistisch. den „stimmungsvollen“ soundtrack habe ich schon sehr bald weggeschaltet, da die musik irgendwann gewaltig nervt.

noch mehr als die musik nerven allerdings die dialoge. dass man dem game aus kostengründen keine gesprochenen unterhaltungen, sondern dialogfenster der kategorie old-school spendiert hat, könnte man ja noch verzeihen, aber leider sind die dialoge streckenweise total sinnfreies und unnötig ermüdendes abklicken von aufzunehmenden informationen, mit den wenigen paar ausnahmen, bei denen die richtige ™ antwort den nächsten verlauf des abenteuers beeinflusst.

abgesehen von reaktionen, die auf charaktereigenschaften wie charisma oder dem richtigen „street code“ (etiquette) beruhen, gibt es keine unterschiede bei den dialogen für die unterschiedlichen charakterklassen und figuren.

das kampfsystem ist rundenbasiert, und zumindest hinsichtlich blick- und schusswinkeln und hit-wahrscheinlichkeit einigermassen schlüssig, wenn auch ein „fehlschuss“ basierend auf einem randomizer, wenn man direkt vor dem gegner steht, gelinde gesagt unglaubwürdig ist. eine timeline von zu lösenden haupt- und einigen nebenquests führt stringent zu einem ereignisablauf, der sich nicht ändern lässt. fehlentscheidungen an einem punkt in der vergangenheit lassen sich ggf. nur mit einem zurückladen an den entsprechenden save-punkt reparieren. das wäre undramatisch, wenn es denn wenigstens spielvariationen gäbe, oder die möglichkeit, die questreihenfolge in einer anderen als der vorgegebenen zu lösen, mithin, ein bisschen flexibilität vorhanden wäre – aber genau das geht nicht.

der ablauf ist zwingend und statisch, weder gibt es möglichkeiten, sich „frei“ in der welt zu bewegen und zu alten orten ohne quest zurückzukehren, noch irgendwelche wirklichen variationen im gameplay.

vergleiche ich das ganze zum beispiel mit dem auch nicht gerade neuen sacred und sacred 2, finde ich dort charakterbasierte questketten, eine welt, in welcher ich bzw. mein char sich frei bewegen und andere nebenquests erledigen kann, dann wann ich will, plus eine grafik, die zwar auch nicht mehr state-of-the-art ist, aber gegen die shadowrun returns relativ altbacken wirkt. das können auch die (zugegebenermassen nett gestalteten) viel zu kurzen ausflüge in die matrix nicht ausgleichen.

etwas mehr spass machen könnte das ganze eventuell im multiplayer, denke ich, wenn man auch auf verschiedene skills von magiern, schamanen, adepten zurückgreifen und diese ausreizen kann. der statische spielablauf verleitet aber nicht wirklich dazu, das spiel mit anderen charakterklassen nochmal durchzuspielen. tatsächlich habe ich das game so bei ca. 2/3 der absolvierten quests abgebrochen, weil es mich schlicht langweilte.

dabei haben sich die game-designer durchaus mühe gegeben, nette landschaften / stadtszenarien mit ein paar gimmicks zu bauen, die aufregend sein könnten, es aber leider nicht sind, sondern die im wortsinn an vernagelten barrieren und absperrungen verenden. „gags“ wie ein coroner namens johnny dresden lösen bei mir nur noch ein müdes mundwinkelzucken aus.

summa summarum: für mich zumindest in der vorgestellten fassung überhaupt kein grosser wurf, sondern ein langweiler erster güte, der nach dem initialen aaaaah-effekt des shadowrun-fans schnell anödet. schade.

digitales bullet journaling – geht das?

Durch meine Beschäftigung mit dem Thema Handschrift / Mit der Hand schreiben landete ich Ende 2016 / Anfang 2017 nahezu unweigerlich auch beim Thema Bullet Journaling, denn ein Grossteil der Leute, die sich mit Projekten wie #rockyourhandwriting befassen, betreiben auch dekoratives Handlettering, und haben nicht selten ein Bullet Journal.

Was ist eigentlich ein Bullet Journal?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten.

Die erste Antwort: Eigentlich, also im ursprünglichen Sinne des Erfinders (Ryder Carroll), ist Bullet Journaling nichts anderes als eine Methode, sich schnell und flüssig handschriftlich Notizen zu machen – egal ob es sich um Fakten, Ideen, Termine, Tasks oder was auch immer handelt. Carroll entwickelte diese Methodik eines rapid logging für sich selbst; irgendwann gewann das Ganze aber eine starke Eigendynamik, und heute beschreibt er die Methode und das Drumherum als The analog system for the digital age. Die Website bulletjournal.com1http://bulletjournal.com/ gibt Interessierten alles an die Hand, um es selbst ausprobieren zu können. Aber am Besten erklärt Carroll’s kurzes Video das System.2https://youtu.be/fm15cmYU0IM

Die zweite Antwort: Aus Carroll’s Bullet Journaling hat sich mittlerweile etwas (meines Erachtens) gänzlich anderes entwickelt, und das ist das, was man mit dem Suchbegriff meist online (insbesondere bei Pinterest, Instagram und den Handwriting-Enthusiasten) findet. Das Bullet Journal ist ein komplett von Hand gestalteter Organizer mit Kalendarien, Listen für alles nur Erdenkliche, und sehr, sehr viel künstlerisch-dekorativem Brimborium wie Doodles, ganzseitigen Zeichnungen, schnörkeligen Umrahmungen und anderen Verzierungen, Stickern, Washitape etc etc., was diese Bullet Journals meist sehr schön aussehen lässt. Natürlich steht es jeder und jedem selbst frei, wie er/sie ein solches Journal dekorieren möchte, und eine Menge Menschen leben dort künstlerische Adern aus und haben sehr viel Spaß daran. Allerdings ist das für meine Begriffe kein bzw. eine komplett andere Form des BuJo, denn von „rapid logging“ kann dort schon vom Aufwand her keine Rede mehr sein.

Beispiele findet man zuhauf, etwa bei Pinterest in der Themensammlung Bullet Journal3https://www.pinterest.de/Sumana/bullet-journal.

Das Thema „schöne“ vs. „praktische / simple“ Formen des BulletJournal ist auch ein beliebter Diskussionsaufhänger im Subreddit /r/bulletjournal4https://www.reddit.com/r/bulletjournal/ – eine gute Quelle für Fragen rund ums BuJo ist die dortige FAQ for Beginners5https://www.reddit.com/r/bulletjournal/comments/60e15w/faq_for_beginners/.

Um das Thema Bullet Journaling hat sich sehr schnell eine ganze Blog- / Youtube- / Instagram-Subkultur gebildet, die mir manchmal vorkommt wie ein einziges Werbeportal für teure Notizbücher, Washitape, Füllhalter und japanische Copymarker. Dafür bin ich zwar durchaus empfänglich, allerdings nicht für diese spezielle Art des Bulletjournaling.

Ich habe mich vorsichtig an das Thema herangetastet, kam aber bald zu dem Schluss, dass ein Bullet Journal, bei aller Liebe für das Medium an sich, für mich keine bzw. nur eine sehr suboptimale Lösung darstellt, mir Notizen zu machen.

Warum BulletJournaling für mich nicht funktioniert

Was ich am Bullet Journaling gut finde, ist die logische und einfache Methodik, mit der ich durch simple ‚Signifier‘, also Symbole, beim Aufschreiben von Ideen diese gleich kategorisieren kann. Beim Durcharbeiten solcher Notizen ist es erheblich einfacher, diese in eine vernünftige Struktur zu bringen und zu Aufgabenbereichen und Lebensbereichen zuzuordnen. Bullet Journaling geht häufig Hand in Hand mit GTD-Methoden, aber sein ganz großer Vorteil ist eben, dass wirklich jede/r das System an eigene Bedürfnisse und Vorlieben anpassen kann. Warum also habe ich Probleme mit dem Bullet Journal?

Zum einen bringt die analoge Methode es mit sich, dass ich meine handschriftlichen Notizen immer und immer wieder durchsehen und neu aufschreiben muss. Tasks, die ich in einem bestimmten Zeitraum nicht erledigt habe, müssen transferiert und ‚weiter geschrieben‘ werden. Mnemonisch hat das sicher Vorteile, weil man sich durch das erneute Aufschreiben daran erinnert: Hey, da ist noch was, um das ich mich kümmern muss. Auch hilft es dabei, bestimmte Dinge in Frage zu stellen. Ein Task, den ich seit Tagen immer und immer wieder verschiebe, zeigt mir, dass da etwas ist, das ich ändern muss. So weit, so gut. Allerdings bin ich schon notorisch schlecht darin, mir die Dinge zu notieren, die ich notieren muss, und für mich resultiert so ein System, besonders bei den Beschränkungen eines linear fortgeschriebenen Buchs, zwangsläufig darin, dass ich es nicht mehr benutze, weil es mir zu kompliziert wird, alles irgendwo in Indizes zu schreiben und meine Kalendarien und Übersichten neu zu malen und Zeug durchzustreichen… etc etc.

Das Bullet Journal soll ein Organizer sein, also Menschen helfen, ihr Leben zu organisieren, alles an einem Platz zu haben. (Erinnert sich jemand noch an Time System, Tempus & Co. mit ihren luxuriösen Ringbüchern mit Kalendarien und Checklisten und so weiter?) Um mit einem BuJo organisiert zu sein, braucht man aber eine gewisse Zwanghaftigkeit, muss also bereits gut organisiert sein, damit es funktioniert. Und das bin ich genau nicht.

Das für mich wesentlichere Problem liegt aber darin, dass ein Grossteil meiner Informationen, die ich erfasse (und meiner Arbeit) digital sind. Das beginnt bei Terminen, die ich seit Jahren im Google Kalender habe, geht weiter mit Kontakten, die natürlich online abgelegt sind, mit allen Webadressen, SocialMedia-Adressen, Mailadressen, Verknüpfungen zu Projekten, Konzernen, Terminen, Plänen, und endet nicht dabei, dass ich mir nicht mehr (wie noch Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre) ftp-, gopher- oder Webadressen irgendwo handschriftlich notiere, um mich daran zu erinnern und sie wieder zu finden und zu besuchen. Das alles findet in einem analogen BulletJournal keinen Platz; und an den Blogs diverser BulletJournaler kann man erkennen, dass diese Probleme sie auch beschäftigen – und sie sich oft doppelte und dreifache Arbeit machen, um ihre Onlinekalendarien auch irgendwie in ihre Bullet Journal Tasklisten und Terminübersichten zu integrieren, oder Projektkontakte in einem projektbezogenen BuJo aktuell zu halten. Oder ihre mit Familienmitgliedern gemeinsam verwendeten Kalender und Tasklisten dann doch rein digital führen.

Oft lese ich bei BuJo-Enthusiasten, es sei so toll, „alles an einem Platz“ zu haben. Genau das habe ich mit der analogen Lösung aber nicht. Was ich auch nicht habe, ist ein Backup, wenn mein ganzes Leben, das bei vielen nach deren Darstellung in diesem Notizbuch steckt, plötzlich weg ist – oder auch nur zu Hause liegengeblieben.

Und natürlich stellt man sich dann die Frage, ob man das BulletJournal nicht vielleicht auch digital umsetzen kann, wenn es eine so tolle Methode ist?

Wege zum digitalen Bullet Journal

Logischerweise bin ich weder die erste noch die einzige, die sich gefragt hat, wie man ein Bullet Journal digital6https://www.papierfischer.de/blog/bullet-journal-digital-geht-das/ erstellen kann. Von den zahlreichen Ansätzen, die ich gefunden habe, gefielen mir diese drei sehr gut:

  • Mit Goodnotes auf dem Ipad7https://medium.goodnotes.com/why-goodnotes-is-the-best-app-for-a-digital-bullet-journal-b6db33c5e6d7
    Das ist zweifelsohne die eleganteste Lösung und die, die tatsächlich dem handgeschriebenen BuJo am nächsten kommt. Für mich ist das allerdings keine Option, da ich kein Ipad besitze.
  • Mit OneNote
    Mary von Mary Plethora stellt ihr in OneNote gebautes Bulletjournal hier vor8https://maryplethora.wordpress.com/2016/03/01/my-digital-bullet-journal-onenote. Besonders mag ich daran ihren Ansatz, abgearbeitete Monate in ein eigenes „Buch“ zu verschieben, und damit ihr Bullet Journal dünn und übersichtlich zu halten.
  • Mit Evernote
    Clara Ryanne Heart baut ein traditionelles BuJo in Evernote nach und beschreibt ihre Schritte sehr anschaulich. [Update März 2019: Link nicht mehr verfügbar]

Meine Anforderung an eine digitale Lösung wäre vor allem Plattformunabhängigkeit – egal, auf welchem System / Rechner / Mobilgerät ich arbeite, ich möchte vorzugsweise überall die gleiche oder doch zumindest ähnliche Arbeitsumgebung haben, und die Daten müssen (zumindest bis auf weiteres) in eine Cloud. Für mich, die ich derzeit in einem Hybrid aus OSX und Android arbeite, bleibt damit als Basis fast nur Evernote. (OneNote bringt unter OSX eine große Zahl an Funktionen, die die Windows-Fassung so attraktiv machen, nicht mit, und alle Arten Makros etc. funktionieren nicht; mir ist es aber auch zu stark an analoge Ordnerstrukturen angelehnt). Also habe ich mich für meinen Test lose an der Vorlage von Clara orientiert, und dann nach und nach angepasst, was ich brauchte.

Probleme mit dem digitalen Bullet Journal

Ich kann schneller tippen als mit der Hand schreiben – insofern ist ein digitales Archiv für mich sinnvoller als handschriftliches rapid logging. Auch kurze Audiofiles oder fotografische Notizen lassen sich digital erheblich leichter archivieren, taggen, zuordnen, auswerten. Für das ‚rapid logging‘ im Carroll-Stil genügt ein banales Textfile mit ein paar Signifiern, die man auf der Tastatur findet.

Von vornherein war für mich klar, dass ich bestimmte Strukturen des BuJo nicht brauchte – ich will / muss meinen Kalender, den ich online habe, nicht nochmal im BuJo abbilden. Ich brauche in einer volltextindizierten Datenbank keine umfangreichen Indizes (wenn das auch mit Evernote gut gestaltbar ist). Ich kann mit Tags arbeiten, etwas, das ich schon seit den Zeiten von Win 3.11 streng hierarchischen Strukturen wie denen eines BuJo vorziehe. „Hübsche“ Borten und verzierte Todolisten brauche ich schon in der analogen Version nicht. Und so stellte ich nach einigen Tagen Benutzung und Tweaking fest, dass der Aufbau eines Bullet Journals in der digitalen Welt für mich keinen Sinn ergibt, bzw. sich nicht mit meiner Art von Nutzung und Informationsammlung-/-organisation vereinbaren lässt. Immer mehr der BuJo-typischen Funktionalitäten flogen raus, bis schließlich nur noch ein (ganz hilfreiches) Future Log als Feature übrig blieb.

Natürlich kann ich – frei nach dem Motto, dass ich das BuJo für mich so anpassen kann, wie ich es brauche – mit Evernote eine Struktur erstellen, in der ich alles, was ich will, wiederfinde. Allerdings wäre es meines Erachtens irreführend, dieses Ergebnis noch als Bullet Journal zu bezeichnen – denn mit dem rapid logging von Ryder Carroll hat es nicht mehr viel zu tun; in Abwesenheit von Tablet und Pen für handschriftliche Notizen noch weniger.

Mein Fazit zu digitalem Bulletjournaling

Ja, man kann ein Bullet Journal digital nachbauen. Ob es allerdings sinnvoll ist, das zu tun, muss jede/r für sich selbst entscheiden.

Wer auf einem Tablet arbeitet und dort seine „Notizbuchseiten“ beschriftet und organisiert, kommt damit dem Original schon nahe, und hat die Vorzüge von Cloud-Backup und direktem Zugriff auf das WWW gleich mit drin. Eine tatsächliche Vermählung des analogen Systems Bullet Journal und der digitalen Welt gibt es aber eigentlich nicht; das Bullet Journaling basiert ja gerade darauf, dass man manuell Strukturen erschafft, in denen man die eigenen Informationen / Daten organisiert, und diese Strukturen nach Bedarf an das Medium (Stift und Notizbuch aus Papier) anpasst. Ein digitales Bullet Journal dagegen versucht, die Strukturen des analogen Mediums auf die elektronische Welt zu übertragen – zumindest für mich ergibt das keinen Sinn.

(Header image: Estée Janssens auf Unsplash, von mir bearbeitet)


  • 1
    http://bulletjournal.com/ ↩︎
  • 2
    https://youtu.be/fm15cmYU0IM ↩︎
  • 3
    https://www.pinterest.de/Sumana/bullet-journal ↩︎
  • 4
    https://www.reddit.com/r/bulletjournal/ ↩︎
  • 5
    https://www.reddit.com/r/bulletjournal/comments/60e15w/faq_for_beginners/ ↩︎
  • 6
    https://www.papierfischer.de/blog/bullet-journal-digital-geht-das/ ↩︎
  • 7
    https://medium.goodnotes.com/why-goodnotes-is-the-best-app-for-a-digital-bullet-journal-b6db33c5e6d7 ↩︎
  • 8
    https://maryplethora.wordpress.com/2016/03/01/my-digital-bullet-journal-onenote ↩︎

2014 in bildern

januar:

in almería, bei den gemüsebauern europas.

februar:

fast ein monat usa southwest. das wetter ist grossartig.

märz:

Kiel-Oslo-Kiel

Spaziergang in den Besenhorster Sandbergen

mai:

der japanische staudenknöterich wuchert am rande des baturschutzgebiets.

auf der terrasse ist es (fast) immer am schönsten.

juni:

hauptsache wach.

sommer in hamburg

august:

hamburg ist ungewohnt heiss. das leben passt sich dem an. symbolbild.

september:

letzter (spät-) wommertag des jahres. perfekterweise in büsum.

oktober:

neue reisetasche, lang überfällig

foodcamp franken

november:

spontantrip nach brügge

ein enges familienmitglied landet nach unfall für viele Wochen im krankenhaus, ein anderes stirbt nach quälendem ringen mit dem krebs.

2014 darf gern zu ende gehen.

2012 in bildern

januar:

ein von rauhreif umkränztes efeublatt, das wie ein herz aussiehtwinter (spaziergang im ohlsdorfer friedhof)

februar:

steilküste de rostsee ,it schnee und eisschollen-15°C, die ostsee bei grömitz ist zugefroren

märz:

die schwebefähre am nord-ostsee-kanal hängt vor ihren stahlträgern an seilen über dem kanalnordostseekanal, schwebefähre

april:

blick über die altstadt und kirche von lauenburg auf die elbe
lauenburg

umzug

ein nicht müblierter raum, mit hellem holzboden und einer fensterfront, an der wand lehnen kartons

mai:

ein altes flugzeug
flugzeugausstellung hermeskeil

juni:

anemonen im wald

juli:

pinke duftgeranien mit dunkelrosa flecken in den blüten
sommer

august:

altstadt von lüneburg, alte backsteinhäuser im senkungsgebiert
historisches haus am sande, lüneburg
lüneburg

september:

vibram five finger schuhe
neue füsse

oktober:

blick auf den horseshoe bend, arizona
usa

november:

kuerbispizza
bunte kürbispizza gegen trübes grau

dezember:

alter wasserturm im friedhof ohlsdorf, hamburg
winter

ein vogel! ein flugzeug!

zur unterhaltung schaue ich gerade in das science fiction jahrbuch 1983 von moewig. es ist schon lustig, mit fast 25 jahren abstand berichte über trends am buch- und filmmarkt zu lesen, oder eine reportage über den einfluss der scifi auf die neue deutsche welle. die mischung aus storys, fachartikeln und interviews macht das ganze mehr zu einem magazin in buchform als einem klassischen reinrassigen almanach, ein blick auf eine kommentierte liste der bei redaktionsschluss (oktober 1982) in deutschland lieferbaren (deutschen) sf-titel ist von einem schmunzeln begleitet.

unvermittelt stosse ich auf einen klassischen übersetzungsgoof. joachim körber, der heute neben eigenen romanen vor allem als stephen-king-übersetzer bekannt ist, hat die im buch abgedruckte deutsche fassung von norman spinrads kongenialer scifi-kurzgeschichte “It’s a bird! Its a plane!” verfasst. ich weiss nicht, wann die übersetzung entstanden ist – die story ist immerhin zwei jahre älter als ich, und lange vor dem erscheinen des almanachs geschrieben worden – allerdings nehme ich an, dass körber das heute besser kann.

wie der titel bereits dem sachkundigen verrät, geht es um superman. die hauptfigur ist ein psychiater, der sich einer seltsamen anhäufung von patienten ausgesetzt sieht, die sich allesamt für superman halten (und prompt durch den anblick falschen kryptonits massiv geschwächt werden – dass es mal echtes geben würde, konnte sich auch ein science fiction-autor nicht ausmalen).

besagter psychiater hat ein alter ego mit dem namen “superschrumpf”. super-was? genau. schrumpfen heisst auf englisch auch “to shrink”. ein shrink ist (ursprünglich kurz für headshrinker) ein us-amerikanischer slangausdruck für einen psychiater. so wird ein schuh draus… und ich frage mich, warum man nicht einfach ‘supershrink’ hat stehen lassen, oder eine bezeichnung gewählt hat, die dem etwas gerechter wird – ich kann nur vermuten, dass körber der ausdruck damals unbekannt war.